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Serie B, Saison 08/09, 10.01.2009

 

A. C. Mantova – Piacenza Calcio

 0:0

Mantova, Stadio Danielo Martelli  (5.537 Zuschauer)

 

Die „Drei Spiele, vier Pizze und wo ist meine Unterhose?“ - Tour

Der „Operation gegossenes Blei“ sei gedankt, dass hier nicht die Erlebnisberichte der Partien Hapoel Tel Aviv - Football Club Ashdod,  Beitar Jerusalem - Hapoel Kiryat Shmona, Hapoel Bney Lod Rakevet - Hapoel Raanana, Maccabi Herzliya - Maccabi Irony Kiryat Ata  und Maccabi Netanya - Maccabi Tel Aviv stehen. 48 Stunden vor dem geplanten Abflug nach Tel Aviv wollten zumindest noch Mike und ich, nachdem der Dritte im Bunde unpersönlich die Tour absagte, die vor Wochen gebuchten Flüge nach Israel in Anspruch nehmen, doch da der hiesige Fußballverband den Spieltag absetzte, fügten wir uns. Kulanterweise erstattete der Flugscheinverkäufer (TUI) 80% des Flugpreises (immerhin 300 Euro für zwei Personen) und da wir die freien Tage nicht nutzlos abfrieren wollten, musste fix eine Alternativ her. Die Destination sollten idealerweise in England, Spanien, Portugal oder Italien liegen, wurde ausschließlich vom Preis getrieben. Die Gewinner unserer mehr oder minder sauerverdienten Kohle war die irische Fluggesellschaft, wo der Kunde eben nicht König ist und der Aeroporto Internazionale Orio al Serio bei Bergamo. Nicht ganz optimal, da Mike dort in sechs Wochen eh sein wird bzw. ich vor zwei Monaten erst war.

Da der bekloppte Schlachter schon am Vorabend anreiste, konnte wir uns gemeinsam aus dem reichhaltigen Angebot der Spielpläne bedienen. Richtig einig werden konnten wir uns nicht und so vertagten wir die Entscheidung bis zur Ankunft in Italien. Einzig zum fix terminierten Zweitligaspiel zwischen Sassuolo Calcio und Brescia Calcio (in Modena) gab es keine Alternativen. Der am späten Vormittag in Berlin-Schönefeld abfliegende Ryanairvogel war proppenvoll von Italienern die landestypisch (also völlig chaotisch) boardeten und im weiteren Verlauf des Fluges durch ewiges Geschnatter auffielen. Dessen ungeachtet entstiegen wir bei milden sieben Grad und eitel Sonnenschein der Blechbüchse und nahmen kurz darauf unseren Leihwagen, einen Lancia Musa, in Empfang. Groß eingewöhnen musste ich mich nicht, da ich bereits vor zwei Monaten selbiges Gefährt unterm Hintern hatte. Die 200 Kilometer bis Modena legten wir Sprit- und Autobahngebühr sparend größtenteils auf Landstraßen zurück und bei jedem Hinweisschild „Stadio“ bzw. „Campo Sportivo“ wetteten wir, ob der Ground eine überdachte Tribüne hatte oder nicht. Die unterschiedlichsten Kaffeekreationen mussten fortan aus meiner Geldbörse beglichen werden, da ich nicht ein einziges Mal richtig lag. Gegen 17 Uhr hatte der Ratespaß ein Ende, als wir die  Geburtsstadt von Enzo Ferrari erreichten. Unsere Jugendherberge hatte den klangvollen Namen „San Filippo Neri“ und lag im Zentrum der recht hübschen Altstadt. Das Interieur war ein wenig dünn, aber die 32 Euro für das sehr geräumige Doppelzimmer waren schon ein faires Angebot. Dafür hatte es keinen Internetanschluss und da sich Mike nicht in ein ungesichertes Netz einhacken konnte, war seine Laune erstmal dahin. Da das Stadion nur zehn Minuten von unserer Nobelabsteige entfernt lag, ließen wir den kleinen Musa stehen und umrundeten einmal das hiesige Sportareal um zu den ein wenig versteckt liegenden Kassenhäuschen zu gelangen.  Wie nicht anders zu erwarten deuteten nur die Absperrgitter auf ein Sportereignis hin und so konnten wir in aller Ruhe zwischen vier hübschen Kassiererinnen wählen. Die Billetpreise lagen zwischen 10 und 50 Euro und wir wählten den Block mit dem schönen Namen „Poltronissime C“, was so was Ähnliches wie Parkett bedeutet und in der Realität ein Sitzplätzchen auf der Gegengerade gewesen wäre. Nachdem wir die Karten in Empfang genommen hatten liefen wir ein Quartett aus Uerdingen über den Haufen, die uns schon am Flughafen in Bergamo aufgefallen waren. Aber Hunger und Durst trieben uns zurück in die Innenstadt und die Suche einer gescheiten Pizzeria gestaltete sich doch schwieriger als gedacht. Fündig wurden wir dann aber doch und alsbald wanderten zwei wagenradgroße Pizze, zwei Salate und der obligatorischen Liter Rotwein in die nahezu körperfettfreien Figuren. Wohl genährt schlenderten wir nach diesem opulenten Mahl zurück zum Stadio Alberto Braglia, wo 20 Minuten vor dem Anpfiff kaum Zuschauer zu sichten waren. Wir marschierten etwas planlos umher und in unserem Dunstschweif zwei unbekannte Gestalten. Da wir aber keinen Bock auf irgendwelche Spielchen hatten, drehten wir uns um und fragten unsere Beschatter nach dem richtigen Eingang. Daraufhin war alles in Butter, weil wir eindeutig nicht nach Brescia gehörten und die Kollegen sich doch ziemlich erstaunt zeigten, was die Typen aus Germania hier wollten. Zusätzlich gab es die Info, dass das Spiel heute nicht stattfinden würde und evtl. morgen Mittag nachgeholt wird. Bedauerlich, aber nicht zu ändern. Die Sussuolo-Ultras (ein ganzes Dutzend, darunter ein Mädel) luden uns in eine Kneipe mit belgischem Bier ein, welche wir in Ermangelung an Alternativen auch annahmen. Die Jungs (ich tippe mal so zwischen 16 und 25) waren alle ganz nett und laut eigenen Aussagen überzeugte Fascista. Diese Aussage war eher ein Modetrend als eine überzeugte und gefestigte Meinung, aber nun gut. Irgendwann dackelten die Jungs in ihr 12 km entferntes Dörfchen zurück und wir hatten endlich Zeit mal ordentlich über die Theke zu langen. Der Laden war an sich ganz cool, servierte als Hauptattraktion belgisches Bier in Proseccopullen und dazu noch etliche (vor allem britische) Brauereispezialitäten. An letztere hielten wir uns bis der Laden so dermaßen überfüllt war, dass es keinen Spaß mehr machte. Wie das nun mal so ist mit dem Vakuum zwischen Biertrinken und ins Bettgehen meldete sich das kleine Hüngerchen. Da es aber schon zu spät war um noch eine Portion Pizza nachzuladen, plünderten wir mit unserem und dem der Herbergsnachtwache Kleingeld die einzige Verpflegungsstation. Schon erstaunlich wie man mit so wenig Kleingeld soviel kalorienarme Produkte erzaubern kann. Trotz der fiesen Schnacherei meines Zimmergenossen konnte die Nacht mit ein wenig Schlaf gefüllt werden.

 

Um 10 Uhr hieß es dann Betten abziehen und die Klamotten im Musa verstauen. Die erste Aufgabe des Tages waren gleich zwei;  denn für Mike musste dringend ein Internetcafe und für mich ein ordentliches Frühstück her um die kleinen im Kopf Pogo tanzenden Männchen zu verscheuchen. Während der Stalinist und einzig noch lebende Pol-Pot-Anhänger seinen Geschäften nachging, pfiff ich mir erstmal starken Kaffee durch die Kiemen und unterfütterte dies mit kleinen Marmeladenkringeln. So langsam kamen die Lebensgeister wieder und nach ein bisschen ziellosem Rumlatschen durch Modena (nettes Städtchen) waren wir um Punkt Zwölf wieder am Stadion. Die ersten Informationen lauteten, dass wenn heute gespielt wird dann um 14:30 Uhr. Wenige Minuten später machte dann die Nachricht die Runde, dass gespielt wird und zwar am 27. Januar und die Tickets behalten ihre Gültigkeit. 15 Euro pro Mann wurden somit in den Sand gesetzt und nun ging die Feilscherei los, welche partita nun angefahren werden sollte. Da wir um 19:00 Uhr in Vicenza sein mussten, um dort Seby (Frontmann von Derozer) für das abendliche Serie-A-Eishockey-Match in Asiago einzusammeln, blieben noch nur die Spiele in Triest (gegen Empoli) und Mantova (gegen Piacenza) übrig. Ersteres war mein Favorit, für Mantova sprach allerdings, dass das genau auf dem Weg lag. Ergo fix die Adresse vom Stadio Danilo Martelli in das Navigationssystem eingetippt und keine 45 Minuten später standen wir am nächsten Kassenhäuschen, welches bereits von vier Teutonen (u. a. Menden/Sieg und dem Coburger) belagert wurde. Der Kartenkauf war auch hier kein Problem und da wir noch drei Stunden Zeit hatten und die Sonne fett vom Himmel strahlte, fuhren wir zwecks Erkundung selbiger in die Innenstadt weiter. Diese Entscheidung entpuppte sich als – bescheiden formuliert – brillant, da Mantova als sehr angenehme Stadt mit sehr vielen Sehenswürdigkeiten in unseren Erinnerungen haften bleiben wird. Berühmester Sohn der Stadt ist übrigens Roberto Boninsegna, der vor einigen Jahrzehnten am Gladbacher Bökelberg von einer Büchse getroffen beinahe verstorben wäre (italienische Sicht). Von diesem Schock erholte sich die Borussia auch nicht mehr und wird am Ende dieser Saison letztmalig aus der Bundesliga absteigen.

 
                    

    Modena

 

Nach einem kleinen Happenpappen (diesmal ausnahmsweise Pizza, Salat & Rotwein) durchschritten wir die elektronischen Drehkreuze eine halbe Stunde vor dem Anpfiff. Insgesamt versammelten sich gut 5.500 Zuschauer und füllten damit das Stadio Danielo Martelli zu einem Drittel. Der lombardische Fußballclub A. C. Mantova, für den übrigens vor Urzeiten Karl-Heinz Schnellinger und Dino Zoff spielten, ist erst vor dreieinhalb Jahren wieder in die Serie B aufgestiegen, nachdem der Club in den letzten 25 Jahren gleich zweimal pleite ging. In den 60er Jahren spielten die Rot-Weißen (damals allerdings noch die Grün-Gelben) einige Jahre in der Serie A. Piacenza, gefährlich nah an den Abstiegsrängen, wurde an diesem lausig kalten Nachmittag von ca. 100 Mannen, die zu Beginn des Spiels eine kleine Fähnchen-Choreographie inszenierten, unterstützt. Der Support auf der Heimseite war vorhanden, aber an irgendetwas Spektakuläres kann ich mich jetzt auch nicht mehr erinnern. Auch wenn mich mein verkalktes Hirn in letzter Zeit häufiger im Stich lässt, meine ich, dass die Begegnungen Mantova – Piacenza in der guten alten Zeit ein kleines Leckerbissen für die ultraorientieren Wallfahrer war. Heute sieht die Lage freilich ganz anderes aus. Das Spiel war übrigens mäßig bis beschissen mit einem leichten optischen Übergewicht der Gäste.

 
 
 

Stadion:

Das Stadion des A. C. Mantova ist benannt nach einem ehemaligen Fußballer des A. C. Turin, der mit der Mannschaft 1949 bei dem Superga-Flugzeugunglück starb. Zurzeit fasst es ca. 15.000 Zuschauer, früher soll das Fassungsvermögen deutlich höher gewesen sein. Zudem ist die Laufbahn für den Radsport noch deutlich sichtbar, wenngleich diese teilweise überbaut wurde. Überdacht ist nur die Haupttribüne und die Kurve für die Heimanhänger ist eine Stahlrohrkonstruktion, welche genau in den Zwischenraum der ehemaligen Kurve und den Spielfeldrand reingebaut wurde.

 
 
 

Tageskilometer:              1.048 km, davon 798 km Flug Berlin - Bergamo und 250 km KFZ von Bergamo via Modena nach Mantova

Saisonkilometer:          40.487 km: 13.169 km Flugzeug, 23.309 km Bahn, 3.789 km KFZ, 220 km Bus

zum Vergleich 07/08: 63.094 km: (34.822 km Flugzeug, 15.407 km KFZ, 10.895 km Bahn, 1.157 km Bus, 490 km Schiff)

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