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2. liga, Saison 08/09, 12.10.08

 

Bohemians 1905 Praha – MFK OKD Karviná

2:0

Praha, Dolicek (5.984 Zuschauer)

 

Trotz zahlreicher Alternativen außerhalb von Prag entschieden wir uns beim zweiten Spiel des Tages für einen Besuch bei den „richtigen“ Bohemians. Dafür galt es allerdings noch schlappe fünf Stunden zu überbrücken, die wir mit Kleinspur-Sightseeing und Groundspotting verbrachten. Nach erfolgloser Besichtung der Toyota-Arena (Sparta) steuerten wir den Hügel von Strahov an. Das Stadion Strahov (bzw. Strahovský stadion) ist oder war ein Areal mit einer Gesamtkapazität von 200.000 Besuchern, wo früher die Spartakiaden und ähnliche Massenveranstaltungen stattfanden. Direkt daneben befindet sich übrigens die alte Heimstätte (Stadion Evžena Rošického) von Slavia Prag, die aber seit ein paar Monaten im neugebauten Eden spielen. Im Strahov-Stadion gibt es heute zahlreiche nebeneinander angeordnete Natur- und Kunstrasenplätze und auf einem davon wird sicherlich eine oder mehrere Murmelpartien stattfinden, so unser Plan. Richtig geplant, nur war das Spiel schon im Gange und entpuppte sich als C-Jugendpartie von Sparta gegen Kladno. Von der zuvor im Netz ausfindig gemachten A-Jugendpartie fehlte hingegen jede Spur. Bock zu warten hatten wir auch nicht und so zogen wir wieder von dannen, zockelten noch ein bisschen durch die Innenstadt und steuerten alsbald Prags 10. Bezirk an, wo neben dem Stadion Dolicek auch die neue/alte Spielstätte (Eden) von Slavia liegt.

 
 
 

Das Stadion war offiziell noch nicht geöffnet, inoffiziell aber schon. Man konnte einfach und völlig unbehelligt durch das große Tor hereinspazieren und bis auf den heiligen Rasen durchlaufen. Da die Sonne mittlerweile nach anfänglichen Schwierigkeiten nun so richtig brannte, suchten wir uns ein schattiges Plätzchen und genossen die tschechische Braukunst. Um 15 Uhr öffnete der Fanshop und nach kleineren Einkäufen (Preise extrem happig) verließen wir das Stadion durch die diesmal geöffneten Kassen und verpackten den ganzen Klimbim im Kofferraum des Reisegefährts. Ein kleiner Shop mit angrenzender Kneipe, wo sich eine Madame gerade den letzten Rest gab, durfte uns anschließend bewirten. Eine Stunde vor Anpfiff durchschritten wir abermals die Pforte, doch diesmal entrichteten wir ordnungsgemäß unseren Obolus. Nach intensiven Beratungen (Dauer ca. 1,5 Sekunden) entschieden wir uns für Plätzchen auf der Haupttribüne ganz außen zum Heimblock hin. 130 Kronen pro Person wurden dafür aufgerufen und unser Kassierer war mächtig stolz, dass er sein eingestaubtes Deutsch an uns ausprobieren durfte.

Auch wenn die Mehrheit meiner vier Leser die Geschichte mit den „richtigen“ und „falschen“ Bohemians schon kennt, wiederhole ich sie (ok, copy and paste) gerne noch einmal: Anfang 2005 ging der Prager Traditionsclub Bohemians Praha, deren Vereinswappen ein Känguru ziert, pleite. Der Vereinsname und die Geschichte mit dem Känguru stammen aus dem Jahre 1927. Der AFK Vrsovice machte eine Tournee in Australien und um sich mit dem Mutterland zu identifizieren, wählte man für die Marketingtour den Namen Bohemians (Böhmen, als Teil der Tschechoslowakei). Zum Dank bekamen sie von den Gastgebern ein Känguru geschenkt und obendrein behielten sie den Namen Bohemians. Aber zurück in die jüngere Vergangenheit. Ein anderer Prager Verein, der FC Strizkov Praha 9, war aber so clever und sicherte sich die Rechte am Namen und Logo des alten Vereins für ein Jahr bzw. eine Saison. Die Rechte gehörten eigentlich gar nicht dem alten Fußballclub und tschechoslowakischen Meister von 1983, sondern dem so genannten Dachverein, der diesen Namen im Prinzip dem Fußballclub verpachtet hatte. Eine Art genossenschaftliche Vereinigung (Druzstvo fanousku Bohemians“) wurde von Fans der insolventen Bohemians gegründet, mit dem Ziel Geld zu sammeln und mindestens das Startrecht für die dritte Liga zu sichern. Dieses Unterfangen gelang und plötzlich gab es zwei Vereine mit dem Namen Bohemians.  Die „neuen“ Bohemians wollten aber auch so heißen, welches der Verband aber untersagte. Es kam zu einem Gerichtsverfahren, weil sich der Verein weigerte die Verbandsentscheidung zu akzeptieren, welche zur Strafe die Bohemians (vormals Strizkov) vom Spielbetrieb (bezeichnenderweise auch in der dritten Liga) ausschloss. Strizkov durfte nach Ansicht der Juristen wieder zurück in den Spielbetrieb, worauf hin der Verband klagte. Um es abzuküren: Strizkov heißt mittlerweile Bohemians, während Bohemians jetzt Bohemians 1905 heißt. Bohemians 1905 stieg im Sommer übrigens aus der 1. Liga ab, während die „falschen“ Bohemians dorthin aufgestiegen sind. Alles klar?

Das an der polnischen Grenze liegende Städtchen Karviná war mit zwei Vereinen bereits in der höchsten tschechischen Liga vertreten: FC (96/97) und TJ Jäkl (98/99). Beide Vereine fusionierten im Jahre 2003 und stiegen von der fünften Liga bis in die zweite Division auf, profitierte aber zweimal vom Verzicht anderer Teams. Zuletzt im letzten Sommer, als sich Sigma Olmütz B die Lizenz für die 2. Liga zurückgab und so der FC Karviná nachrücken durfte.

 

Das Spiel war dank der etwas harmlosen Gäste nicht der Oberburner (kleine Besonderheit: Der Bohemians-Torhüter erzielte per Elfmeter das 1:0), das ganze Drumherum schon. Ein ordentlich gefüllter Heimblock, der einen Support alter Schule hinlegte. Die Besucher auf der Haupttribüne waren auch voll dabei und so ergab sich schon eine ziemlich geile Atmosphäre. Beim Rumschlendern in der Halbzeitpause konnte neben einem bekannten Gesicht (Remember Varnsdorf) noch eine stattliche Anzahl an Skinheads aus aller Herren Länder ausgemacht werden und die obligatorischen „St.-Pauli“ sieht man hier häufiger als sonst wo. Während ersteres durchaus begrüßenswert ist, ist letzteres nicht vollziehbar. Nun, egal! Der Besuch bei den Bohemians hat sich trotz des Gurkengegners voll gelohnt. 

Tore: 1:0 (37. Min.) Sňozík (FE) , 2:0 (62. Min.) Róth

 
 
 
 
 

Stadion: 

Das Stadion Dolicek kann mit vier komplett unterschiedlichen Seiten aufwarten, dessen Prunkstück die supersteile Haupttribüne ist auf der ca. 5.000 Besucher Platz finden dürften. Links davon befindet sich die Heimkurve, die bis vor ein paar Jahren ausschließlich aus Stehplätzen bestand. Die Gegengerade ist sehr spartanisch ausgestattet, da der Abstand zwischen der Seitenauslinie und der angrenzenden Straße nur minimal ist. Daher gibt es dort gerade einmal fünf Reihen mit Sitzplätzen. Auf der anderen Hintertorseite befindet sich nur eine Stahlrohrtribüne, die alte Konstruktion wurde anlässlich eines Konzerts komplett abgerissen. Das ganze Areal ist sehr eng bebaut, was der Atmosphäre sehr zuträglich ist.

 
 
 
 

Tageskilometer:                 395 km mit dem KFZ von Prag nach Berlin

Saisonkilometer:          26.972 km: 8.576 km Flugzeug, 16.790 km Bahn, 1.386 km KFZ, 220 km Bus

zum Vergleich 07/08: 63.094 km: (34.822 km Flugzeug, 15.407 km KFZ, 10.895 km Bahn, 1.157 km Bus, 490 km Schiff)

Grüße an Daniel und Renato

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