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                  3. Lig - C. Grubu, Saison 04/05, 16.04.05                 

 

    1:1 

 

ZeytinburnusporBandirmaspor

 

Istanbul, Zeytinburnu Stadi (ca. 300 Zuschauer)

 

 

Schon Anfang Februar, berauscht von einem Zeitungsartikel, kam ich auf die Idee in die Türkei bzw. nach Istanbul zu reisen. Eigentlich war die Tour solo geplant und eher beiläufig fragte ich L47-Renato, ob er nicht mitkommen will. Antwort nach 0,3 Sekunden: gerne! Damit war die Reisegruppe komplett.

Berlin hat unendlich viele Vorzüge, die das Leben erst lebenswert machen und ein nicht zu unterschätzender davon sind die in Berlin lebenden Türken. Fast jeder Berliner kennt einen und der kennt wiederrum einen, der einen Bruder hat, der ein Reisebüro hat und einen Cousin der in Istanbul lebt und Karten für Fener besorgen kann (wobei Bruder und Cousin beliebig ausgetauscht werden kann). Die Tourvorbereitung haben wir dann auch gleich in osmanische Hände gelegt. Zentrales Nervensystem war der „Nachtverkauf“ meines Vertrauens, bei dem die ganzen Stränge zusammenlaufen sollten. Mitte Februar wurden dann Termine und Wünsche formuliert mit der Bitte, den Bruder am Bosporus und den Cousin im Reisebüro zu kontaktieren. Danach zogen die Tage ins Land ohne dass irgendeine frohe Kunde zu unseren Ohren drang. „Macht euch keine Sorgen“ hieß es von nun an täglich. Vorweg geschickt sei gesagt, dass auch Eigeninitiative eine Alternative gewesen wäre, aber drei Probleme erschwerten die Situation:

  1. Es gibt keine Billigflieger von Berlin nach Istanbul und die Flüge (gerade Freitags) sind hoffnungslos überbucht.
  2. Die Eintrittskarten. Man hätte natürlich den mittlerweile nicht mehr ganz so geheimen Trick 17 anwenden können, stellt dieser aber letztlich doch keine wirkliche Herausforderung dar und
  3. Hätten wir nicht die Schiene „Wedding – Neukölln – Istanbul“ genutzt, müsste ich heute meine Kippen woanders kaufen.

Mitte März war es dann endlich soweit und das Problem mit der Ordnungsnummer zwei war gelöst und unser Kontaktmann B. in I. meldete, dass sich die Karten nun in seinem Besitz befänden.

Genau eine Woche vor Abflug erklärte das Reisebüro in Neukölln Vollzug. Zwei Tage vor dem Tourstart bezahlte Renato die Flugtickets und buchte nebenbei noch ein schickes Hotel mit dem landestypischen Namen „Black Bird“ in Istanbuls Altstadt. Etwa vier Stunden vor Abflug – zu diesem Zeitpunkt hatten wir immer noch keine Flugtickets, Hotelreservierungen oder gar Eintrittskarten in unseren schweißnassen Händen – rief der Cousin aus dem Reisebüro an und fragte, wann denn einer von uns endlich die Tickets abholt, denn er hat „Machmut“ nicht mehr getroffen. Die folgenden zwanzig Minuten als Panik und Chaos zu beschreiben, wäre eine Untertreibung der aller übelsten Sorte. Verabredet war, dass man die Flugtickets und die Hotelreservierung am Flughafen Tegel abholt.  Der Name „Machmut“ tauchte erstmalig in dieser Geschichte auf und bis heute ist noch nicht geklärt, wer das überhaupt sein soll. Egal, es folgten hektische Telefonate mit den neuen Konstanten: Hoteltickets Flughafen Tegel, Flugtickets am Flughafen Istanbul. Oder? Nein, geht ja gar nicht! Das Reisebüro klärte die Sache dann auf. Tickets immer im Reisebüro (außer wenn Machmut da ist) und die anderen Tickets immer am Flughafen! Ist ja eigentlich auch logisch; wir fragten dann noch mal höflich nach, was denn der Unterschied zwischen den einen und den anderen Tickets und welcher Flughafen nun gemeint sei. Ich weiß nicht mehr wie, aber im Nachhinein stellte sich heraus, dass der eindeutige Begriff Voucher zweiseitig anders interpretiert wurde. Renato musste schließlich noch einen Umweg über Neukölln machen und holte die Flugtickets ab, während der Autor dieser Zeilen eher zum Flughafen aufbrach um dort die Hotelvoucher zu suchen.

Über zwei Stunden vor dem Start betrat dann Miss Persien die Bühne und kündigte ihr Kommen via Mobiltelefon an. Sie hat von einem Bekannten ihres Bruders erfahren, dass wir „nur“ zum Fußball nach Istanbul fliegen und sie ein leichtes bzw. eher schweres Gepäckproblem hätte, wo wir ihr sicherlich bei helfen könnten.  Renato winkte ab und witterte schon eine 25jährige Haftstrafe in einem türkischen Gefängnis wegen Einfuhr von Betäubungsmittel. Aber meine Argumente, dass man die Drogen nicht in, sondern aus der Türkei schmuggelt und die Stimme am Telefon richtig süß klang, überzeugten ihn dann doch, der schönen Unbekannten zu helfen. Dummerweise standen wir jetzt aber schon im Eincheckstau und die Gute saß noch zu Hause auf Ihren halb gepackten Koffern. Aber das Versprechen, in 15 Minuten da zu sein, nahmen wir ihr ab und so winkten wir einen Fluggast nach dem anderen in der Schlange vorbei. Nach einer halben Stunde kamen dann auch die drei Koffer inklusive Miss Persien. Nach der Gepäckaufgabe legten wir das mentale Ziel für diese Tour fest: Geduld! Wir lernen geduldig zu sein. Eine erste Bewährungsprobe folgte dann bei der Passkontrolle, wo sich wahre Dramen abspielten. Schwester mit den Pässen schon drin, der Rest der Familie ohne Pässe noch draußen und dazu noch ein unnachgiebiger Beamter, bei dem ohne Pass nun gar nix lief. Eine andere Dame versuchte die fehlenden Ausweispapiere mit ihrer Barmer-Ersatzkassenkarte zu überspielen, was ihr jedoch nicht so ganz gelang. Die hoffnungslose Überbuchung tat ihr Übriges und so startete der Vogel mit einer Stunde Verspätung gen Orient. Wir waren an Bord und das war auch gut so. Die Geduld hatte sich ausgezahlt. In Gedanken waren wir aber noch bei dem bemitleidenswerten BGS-Beamten, der nicht so viel davon aufbringen konnte und meinte, dass sein Job auch ein paar schöne Tage hätte.

In Istanbul angekommen, genehmigten wir uns dummerweise direkt am Airport ein erstes Efes. Geschmacklich top, preislich allerdings ein Flop (13,50 Euro für zweimal 0,4 l.). Zumindest bewirkte dieses Schnäppchen eine strikte Budgetfestlegung. Mit der Metro fuhren wir dann bis zur Endstation und nach nur zehn Minuten Fußweg fanden wir glücklicherweise das Hotel auf Anhieb. An dieser Stelle mal ein dickes Lob für diese strategische Meisterleistung in Richtung meines Mitstreiters.

 

Bereits um 7:30 Uhr riss uns am nächsten Morgen der Wecker aus den süßesten Träumen, denn bevor wir uns dem runden Leder widmen sollten, war Sightseeing angesagt. Nach einem ausgiebigen orientalischen Frühstück im kontinentalen Stil war der erste Anlaufpunkt die blaue Moschee (sehr beeindruckend) und die direkt gegenüberliegende Hagia Sophia  (Kirche der Weisheit!). Das ganze Treiben an diesen Sehenswürdigkeiten muss man sich wie das Leben in der afrikanischen Savanne vorstellen. Der langsamste Tourist in einer Reisegruppe ist zugleich das schwächste Glied und wird folglich von dem einheimischen Souvenirverkäufer oder unlizenzierten Führer gerissen. Über Topkapi, dem ehemaligem Zentrum der osmanischen Weltmacht und Wohnsitz des Sultans mit samt seinem Harem, endete der Rundgang bzw. Rundlauf beim Großen und sehr imposanten Bazar.

Danach ging es mit der Straßenbahn in den absolut „touri-freien“ Stadtteil Zeytinburnu. Dort angekommen fragten wir nach dem Stadion und wurden in eins der zahlreichen Mini-Busse verfrachtet. Im Gegensatz zu den Indigenen brauchten wir diese Dienstleistung aus welchem Grund auch immer nicht vergüten. Endlich am Ziel angekommen waren wir zum einen total begeistert vom Anblick der Spielstätte und zum anderen hatten wir noch fast drei Stunden Zeit bis zum Anpfiff. Also schnell noch mal einen Blick in den 10-seitigen (!!!) Istanbuler Spielplan geworfen und siehe da: im Amatör-Stadi von Zeytinburnu sollte eine Partie der zweiten Amateurliga zwischen Tepebalkültüt und Y. Halie angepfiffen werden. Also umkreisten wir das große Stadion und suchten eine kleinere Ausgabe davon. Vergeblich. Vor der geschlossenen Geschäftsstelle hatten wir aber Glück, denn der dort angesprochene Türke wusste gleich was wir meinten und lud uns in sein Horch 80 ein. Nach zehnminütiger Fahrt blieb unser Chauffeur mitten auf der Chaussee stehen, brummelte was von einer Minute und entschwand. Jetzt saßen wir in der Klapperkiste mitten auf der Kreuzung und man konnte gar nicht so schnell gucken, wie sich ein Verkehrschaos zusammenbraute. Ungefähr die Hälfte aller in Istanbul verkehrenden Vehikel hupte uns an. Renato geriet nun vollkommen in Panik und wollte Reißaus wohin auch immer nehmen, während meiner einer immer an das Motto der Tour (Geduld!) erinnerte. Nach schier endlosen fünf Minuten tauchte auf einmal unser Fahrer mit einem Elektrokabel in der Hand auf und Renato, immer noch in voller Panik, wusste nun nicht, ob er uns damit fesseln oder gar strangulieren wollte. Doch vollkommen friedfertig bat er uns zum Aussteigen und erklärte uns den Rest des Weges bis zum Zeytinburnuer Amateurstadion. Warum er dies nicht schon vor seinem Einkaufsbummel tat, beantworteten wir uns dann selbst. Nach einem Viertelstündchen per pedes erblickten wir am Horizont zwei mördergroße hammergeile Tribünen. Leider waren diese nebeneinander angeordnet und eine solche Konstellation findet man in Fußballstadien ja eher selten. Zum Glück befand sich das Amateurstadion aber direkt um die Ecke und kurz vor dem Halbzeitpfiff enterten wir das rasenlose Stadion. Das Spiel zwischen Tepebalkültüt und Y. Halie endete übrigens 1:1. Support gab es auch und die Spielstätte war eigentlich gar nicht mal schlecht.

 

 

Nach dem Abpfiff ging es dann wieder rückwärts zum Hauptspiel des Tages. Unterwegs verzehrten wir dann noch zwei total leckere Lahmacuns zu ca. 50 Cent das Stück. Als wir wieder am Ausgangspunkt ankamen, fanden wir kein Kassenhäuschen. Ein paar Zuschauer entschwanden hinter einer Stahltür und so versuchten wir auch dort unser Glück. Kräftig davor gekloppt und siehe da, auf einmal stand der Kabelverkäufer vor uns (hinter der Stahltür verbarg sich übrigens die VIP-Tribüne auf der rund 90% der Zuschauer Platz nahmen) und zeigte sich auch sichtlich erfreut. Er nahm uns bei der Hand, schrie einen Ordner am Eingang daneben an und dieser geleitete uns dann auf die daneben liegende Tribüne. Dies ging alles so schnell, dass man sich gar nicht mehr bedanken konnte.

 

 
Spiel:

Noch vor dem Anpfiff verflachte die Partie des Fünften (Zeytinburnuspor spielte vor ein paar Jahren (1997) sogar mal in der ersten Liga) gegen den Tabellenletzten. Mit Toren konnte man weiß Gott nicht rechnen, aber zumindest gab es ein paar Eckstöße und eben aus zweien davon fielen die Treffer per Kopf. Mehr gibt es an dieser Stelle nicht zu sagen.

Tore: 0:1 (45.Min.) Gökhan, 1:1 (54. Min.) Erhan.

   
Stimmung:

Die Geräuschkulisse wurde geprägt vom Zerbrechen Tausender unschuldiger Sonnenblumenkerne und nur unterbrochen von zarten Anfeuerungsrufen einer ca. 20-köpfigen Ultragruppierung.

   
Stadion:

Die Spielstätte von Zeytinburnuspor, in der auch der Erstligist Istanbulspor spielt, ist ein echter Augenschmaus. Drei Seiten sind komplett ausgebaut und mit blauen und weißen Sitzen ausgestattet. Die Gegengerade, die etwas schmale Hintertorseite und jeweils ein Block rechts und links der Haupttribüne sind ohne Überdachung. Viele kleine Details, wie z. B. die manuelle Anzeigetafel verwöhnen den stadioninteressierten Besucher. Am besten zu erreichen ist die Arena mit dem Vorortzug. Von der Station es Kazlicesme sind nur ein paar Meter die Straße hoch.

 

 

 

 

 

Nach dem Spiel entschieden wir uns für den kürzesten Weg und fuhren mit dem Vorstadtzug (mit offenen Türen!) zurück in die Altstadt. Bis zum Abend standen dann Ruhe und sämtliche Tiersendungen auf Vox (der einzige nichttürkische Kanal im Hotel) auf dem Programm. Am Abend betraten dann zwei neue Darsteller die Bühne: Ergün und Bektas. Letzterer hatte die Kartenbeschaffung als Aufgabe und obendrein wurde er von seinem großen Bruder in Berlin beauftragt, sich um die beiden Pappnasen aus Germany zu kümmern. Den Abend verlebten wir im Stadtteil Taksim, auf der anderen Seite des goldenen Horns, wo sich nachts um zwei noch unglaubliche Menschenmassen über den Boulevard und durch die engen Gassen bewegten. Aber schon die Hinfahrt war ein echtes Erlebnis, denn der Busfahrer fuhr wie ein Wahnsinniger durch den Verkehr. Nach Besichtigung des Galatat-Turms ließen wir den Abend bei kühlem Efes und hitzigen Gesprächen über das morgige Derby ausklingen....weiter...

 

Tageskilometer:    1.700 km mit dem Flugzeug von Berlin nach Istanbul

Saisonkilometer: 32.378 km (19.459 km PKW, 3.657 km Bahn, 9.262 km Flugzeug)

 
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